Über mich

Über das Lesen und Geschichtenschreiben

Mit etwa sechs Jahren wusste ich ziemlich genau, was ich einmal machen wollte: Märchen erfinden. Und zwar so schöne und abenteuerliche (Kunst-) Märchen wie sie mir von meinen Eltern vorgelesen wurden. In der ersten und zweiten Klasse fiel es mir nicht wirklich leicht, Lesen zu lernen. Mit Sicherheit war einer der Gründe dafür, dass es Erwachsenen wichtig erschien, Lesen anhand der Schreibschrift zu üben. Zudem langweilten mich die damaligen Fibeltexte. Das Lesefieber packte mich erst, als mir gegen Ende des vierten Schuljahres das Buch „Der kleine Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg in die Hände fiel. Ich erinnere mich, dass ich zögerlich anfing, zu lesen und plötzlich nicht mehr damit aufhören konnte, weil es so spannend geschrieben war. Eine Sensation. Ich hatte freiwillig ein Buch von Anfang bis Ende gelesen und hatte erlebt, das Lesen viel mehr ist als das bloße Zusammenfügen von Buchstaben! Mein Leseerlebnis war gleichzeitig aufregend und entspannend gewesen, denn es hatte sich so angefühlt, als sei ich auf mysteriöse Weise ein Teil dieser Geschichte geworden. Von da an stellte ich mir vor, in Geschichten, die ich las, selbst mitzuspielen.

Nach dem Abitur entschied ich mich dafür, den Lehrerberuf zu ergreifen und mich in der Grundschule zu verwirklichen. Ich wollte Kindern möglichst sacht über die manchmal holprigen Anfänge beim Lesenlernen hinweghelfen und sie für die Welt der Buchstaben begeistern. So durfte ich zu meinem Vergnügen in vielen Frühstückspausen vorlesen. Im ersten Schuljahr las ich zum Beispiel „Momo“ von Michael Ende vor. Ich war verblüfft, welch tiefsinnige Gedanken die Kinder dazu äußerten, obwohl sie noch so jung waren. Beppo der Straßenkehrer, eine Figur aus „Momo“, wurde zu unserem Vorbild. Denn Beppo konzentriert sich stets nur auf dasjenige Stück seines Weges, das er im Moment zu fegen hat. Er ignoriert schlicht und ergreifend die gesamte Straße mit all ihren Dreckhaufen, und ehe er es sich versieht, hat er die ganze Straße gefegt. Fortan brauchte ich die Kinder nur an Beppo zu erinnern, wenn schwierige schulische Aufgaben vor ihnen lagen. Allein in diesem Teil dieser hervorragenden Geschichte von „Momo“ – und es gibt noch viele mehr darin – steckt so viel Tiefe und so viel Wert für uns alle, dass mich diese Art des Schreibens sehr bewegt und berührt hat. Es weckte das Samenkorn in mir zum Leben, das mit den Märchen meiner Kindheit gesät worden war. Seither tauche ich oft stundenlang in Bilder ein, die ich vor meinem inneren Auge sehe. Ihr könnt es euch wie eine Reise vorstellen, die aus Formen, Farben, Gerüchen und Geräuschen besteht. Aufzuschreiben, was ich dort erlebe, macht mir so viel Spaß, dass ich manchmal nicht genug davon bekommen kann.

Heute bin ich schon über 40 Jahre alt und lebe in Dortmund, in Nordrhein-Westfalen. Von meinem Schreibtisch aus habe ich einen herrlichen Blick in die Natur, genauer gesagt auf eine stattliche Eiche und mehrere Birken. Gerne beobachte ich, wie sich ihr Blätterkleid während verschiedener Jahreszeiten verändert. Es erinnert mich daran, wie ich als junges Mädchen begeistert mit Freunden im Wald herumgestromert bin, Hütten aus heruntergefallenen Ästen und Zweigen gebaut habe, auf Baumstämmen balanciert, querfeldein über Herbstlaub geprescht und mit noch mehr Freude in Matschpfützen gehopst bin. Dies alles tue ich heute nicht mehr – dafür jedoch in meiner Fantasie. In meinen Geschichten kann ich nach Herzenslust Dinge ausleben, die ich als Kind entweder ausprobiert habe oder sehr gerne gemacht hätte. Euch kann ich es ja verraten … am liebsten hätte ich jemanden wie Balduin Klecks kennengelernt, einen weisen Menschen, der zusammen mit Elfen, sprechenden Katzen, Bücherwürmern, Wollmäusen in einem wundersamen Buchladen lebt. Einen Menschen, der Kinder liebt und sie so sein lässt, wie sie sind – ohne Wenn und Aber. Einen Menschen, der so feinfühlig ist, dass er verborgene Wünsche erahnen und mit dem Herzen einfangen kann, um daraus in seiner magischen Schreibstube Geschichten für Kinder entstehen zu lassen. Und weil es weder Balduin noch so einen Ort der Bücher in meiner Jugend gab, habe ich beide kurzerhand zum Leben erweckt.

Ihr seht, in den Stoff meiner Geschichten webe ich eigene Kindheitserinnerungen ein. Jedoch nicht nur, ebenso frei erfundene Figuren und Orte sowie Erlebnisse mit Kindern. Meine Schülerinnen und Schüler sind die besten Lehrmeister. Sie zeigen mir, was es in der heutigen Zeit bedeutet, Kind zu sein. Sie lassen mich daran teilhaben, was sie gefühlsmäßig beschäftigt, womit sie tagtäglich klarkommen müssen, was alles auf sie einströmt und wie wichtig es ist, sich (fantasievolle) Freiräume im Alltag zu schaffen.

Nun, wenn ihr ebenfalls den Wunsch nach einem Freiraum verspürt, so rate ich euch, ein gutes Buch zu lesen … oder … selbst eins zu schreiben.

Herzliche Grüße,
eure Christiane